VERLORENE


Kinostart 17. Januar 2019





DARSTELLER // MARIA DRAGUS (Maria) - ANNA BACHMANN (Hannah) - CLEMENS SCHICK (Johann) - ENNO TREBS (Valentin) - MEIRA DURAND (Jenny) - ANNE WEINKNECHT (Ärztin)



KINOFILM // 91 min. // Buch & Regie Felix Hassenfratz // gefördert von Film- und MedienStiftung NRW & MFG Baden-Württemberg & Kuratorium junger deutscher Film & DFFF // eine Produktion der ViaFilm mit RatPack Southwest in Koproduktion mit SWR & WDR

Bildgestaltung Bernhard Keller Szenenbild Jan Hartmann Kostümbild Bettina Marx Maskenbild Monika Knauf Montage Barbara Toennieshen Komposition Gregor Schwellenbach, Paul Eisenach Produktion Max Frauenknecht, Benedikt Böllhoff Redaktion Stefanie Groß, Andrea Hanke

Kinostart 17. Januar 2019 // Weitere Infos zum Film und aktuelle Vorführungen bei unserem Kino-Verleih Wfilm >> VERLEIH
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PRESSESTIMMEN


„Zählt zu den stärksten Spielfilmen der Perspektive Deutsches Kino 2018“
(Kameramann, Ausgabe März18)

„Felix Hassenfratz Langspiefilmdebüt VERLORENE, das in der Sektion Perspektive Deutsches Kino Premiere feiert, zeichnet sich durch die sensible Betrachtung von Machtverhältnissen, emotionalen Abhängigkeiten und sexualisierter Gewalt in Familienkonstellationen aus.“
(filmportal.de)

„Seziert vielschichtig, welches System hinter denen steht, die Missbrauch ausüben“
(neues deutschland)

VERLORENE leistet einen wichtigen Beitrag dazu, mehr Verständnis für die Opfer aufzubringen, auch vor dem Hintergrund der #metoo Debatte, in der Missbrauchsopfern häufig vorgeworfen wird, erst spät - vielleicht zu spät - über die Taten gesprochen zu haben.“
(berliner-filmfestivals.de)

Bemerkenswert. Wer nur auf den Wettbewerb schaut, verpasst eine ganze Menge.(...) Eine Perle im Programm der Berlinale.“
(christ in der gegenwart, herder Verlag)

Ein ebenso sehenswerter wie behutsamer Film (…) gleichwohl das Thema, das er verhandelt, erschütternd ist. Es sind allesamt starke Porträts, denen gemein ist, dass sie den Dialekt der badischen Provinz aufgreifen.“ (märkische allgemeine zeitung)

Ein düsterer Heimatfilm mit großartiger Besetzung“
(rbb berlinale radio, knut elstermann)

Mit seinen starken Darstellern und seinem drastischen und brisanten Thema geht Verlorene unter die Haut.“ (FILMBEWERTUNGSSTELLE, Prädikat „besonders wertvoll“)



INHALT // SYNOPSIS (DE/EN)

Als er mi ´küsst hat, dacht I muss ich glei sterbe. Richtig erschrocke bin I weil’s schö war, und in mir drin war I stolz für oin Moment… Niemande schaut er so an wie mi. Awer als er mi net losgelassen hat, da hab I Angst bekumme. Kannt´ ihn uf oimol gar nimmer. So fescht hat er mi ghalte. Dacht´ was wenn er dich nie mehr loslässt. Was ja quatsch isch, weil jeder irgendwann wieder loslässt. Awer in dem Moment hab I gedacht. Dann isch's mei´ Schuld. So hat es o’gfange.(Maria)

VERLORENE erzählt auf berührende Weise eine universelle Geschichte von der vielleicht stärksten Kraft: jenem unsichtbaren Band, das Geschwister miteinander verbindet. Von der Schuld und der Sehnsucht nach Liebe gegen alle Vernunft.

Maria ist frei, wenn sie Orgel spielt. Bach spürt man im Bauch. Zu Hause fühlt die 18-Jährige sich verantwortlich. Für Hannah, ihre jüngere Schwester, die rebellierend den Ausbruch aus dem Dorf plant. Für Johann, ihren Vater. Nach dem frühen Tod der Mutter leben die beiden ungleichen Schwestern alleine mit ihm in der süddeutschen Provinz. Stoisch erfüllt Maria die Erwartungen der Anderen: als Beschützerin, Schwester und vom Vater geliebte Tochter. Ein fragiles Gleichgewicht, das sie mit aller Kraft zu halten versucht – auch um den Preis ihrer
eigenen Träume.

Alles ändert sich, als Valentin, ein junger Zimmermann auf der Walz, im Betrieb des Vaters Anstellung findet. Maria verliebt sich. Zum ersten Mal, gegen alle Vernunft. Valentin erwidert Marias heimliche Zuneigung. Doch je näher er ihr kommt, umso mehr zieht sie sich zurück. Für die Bewahrung eines sorgsam gehüteten Geheimnisses ist Maria bereit sich aufzuopfern.

Als Hannah der Wahrheit auf die Spur kommt, ist die Welt der Geschwister längst über ihnen zusammengestürzt. Hannah beschließt, ihre Schwester zu retten. Wenn es sein muss, auch gegen Marias Willen.



EN // The only time Maria feels liberated is when she is playing the organ. Bach’s music is something you feel in your gut. At home she bears the brunt of responsibility – both for her rebellious sister Hannah, two years her junior, who is busy planning her escape from the village, and for her father, Johann. Ever since their mother’s untimely death, these two very different sisters have been living alone with their father in the backwoods of southern Germany.

Maria does everything in her power to keep their fragile little family together – even if it means giving up her own dreams. Everything changes when a young journeyman carpenter takes up a job at their father’s workshop. Maria falls in love with him – for the first time in her life, and against all reason. The stoical mask she wears in her role of her sister’s protector is about to fall.

The young carpenter Valentin reciprocates Maria’s secret affection for him, but the closer he gets to her the more she retracts, desperate to conceal a dark family secret. Her younger sister discovers the secret, but their world has long since been thrown out of kilter. Hannah decides to liberate Maria - if necessary against her will.
(c. berlinale)



HINTERGRUND

VERLORENE ist eine Geschichte über die Kraft der Liebe im Angesicht des Verrats. Die Sexualisierung unserer Welt ist ein bestimmendes Thema meiner Erzählung. In der Frage nach der sexuellen Selbstbestimmung stellen sich für mich die zentralen Fragen nach dem Erwachsen-werden.

Wir leben in einer Gesellschaft der existenten Schweigespirale, die sich um das Tabu des Missbrauchs dreht, atemlos und zugleich brausend still. Während meiner Recherchen für den Film wurde mir klar, dass es auch im Jahr 2018 eine hohe Dunkelziffer von Missbrauchsfällen gibt, die niemals zur Anzeige gebracht werden. Betroffene, die mit der Erfahrung sexuellen Missbrauchs leben, sind in ihrem Handeln häufig von Gefühlen der Angst und Scham bestimmt. Angst vor Öffentlichkeit. Vor dem Gefühl, selbst Schuld zu sein am Begehren des Anderen. Und nicht zuletzt die Furcht, dass ihnen nicht geglaubt wird. Dem gegenüber steht eine Sexualisierung unserer Welt. Jugendliche, für die es kaum ein Tabu zu geben scheint. Erwachsenwerden inmitten scheinbarer Tabulosigkeit. Dahinter steht oftmals Scham.

Die aktuelle Debatte in Deutschland zeigt, dass Scham auch dann noch vorhanden ist, wenn längst begonnen wurde, über das Thema zu sprechen. Jedes Jahr sind eine Million Kinder und Jugendliche von sexueller Gewalt betroffen. In jeder Schulklasse sitzt mindestens ein Kind, das unerkannt betroffen ist. Wie soll man also eine Sprache finden für etwas, das unsichtbar ist?

VERLORENE erzählt von der unerschütterlichen Kraft zweier Schwestern, die nicht Opfer ihrer Geschichte, sondern Kämpferinnen ihrer eigenen Zukunft sind.




REGIE & AUTORENSTATMENT

VERLORENE handelt von Verstrickung und Schuld. Dem Umgang mit einer Tat, für die es keine Worte gibt. Das Festhalten an einer eigenen Wahrheit gegen jede Vernunft, der irrationale Rest. Den Versuch des Aufgebens der Lüge und die Unmöglichkeit dessen. Dem Wunsch nach Gerechtigkeit.

Mich interessieren Figuren, die an ihrer Welt festhalten, um jeden Preis. Menschen, die ihre Beziehungen aufrecht erhalten wollen, auch um den Preis der Unterdrückung. Der paralytische Zustand des Hoffens, des Glaubens an ein gerechtes Ende um jeden Preis, ist eine Demut, der ich trotz aller Zweifel nur meine wahre Hochachtung aussprechen kann. Es gibt keine Wahrheit. Es gibt nur Versionen davon, auch davon erzählt VERLORENE. Im Kern der Erzählung steht die Beziehung zweier Schwestern an der Schwelle zum Erwachsen werden. Sie sind am Ende stärker als die Erwachsenen selbst.

Entscheidend für meine Arbeit war der persönliche Bezug zum Thema. Ich erzähle ein Milieu, in dem ich mich bestens auskenne – die badische Provinz, die Mitte der Bürgerlichkeit, unter der es brodelt. Jeder kennt hier jeden und über jeden gibt es eine Geschichte zu berichten. Ein fragiles Gleichgewicht, in dem Störungen hart bestraft werden. Im weiteren Sinne sind dies alles Erzählungen von Heimat. Der Abwesenheit des Unbekannten oder dem Wunsch danach.

Meine Geschichte ist inspiriert von Filmen, die wissen, an welchem Ort sie spielen. Filme mit einem dokumentarischen Ansatz, wie dem der Dardenne Brüder. Filme von Jon Jost, Valeska Griesebach, Götz Spielmann u.a. Sie handelt von dem, was unter der Oberfläche der Normalität liegt. So ist meine Geschichte aus der Mitte der Bürgerlichkeit erwachsen. Auch, weil ich dort aufgewachsen bin.

Für mich sind es die starke Verortung des Films, das Verlegen der Handlung in ein badisches Dorf, die Sprache der Figuren im Dialekt, die dazu führt, dass sich die Geschichte wie auf einer Bühne aufbaut.

Obgleich Realismus für mich ein bestimmendes Element meiner Arbeit ist, wird der Film nicht zuletzt durch den Einsatz dokumentarischer Mittel und der Erzählung an authentischen Orten von einem starken Stilwillen geprägt. Es ist die Idee von der Welt im Wassertropfen. VERLORENE ist auch aufgrund seiner starken regionalen Verortung eine universelle Geschichte. Ein süddeutsches Siebenhundertseelen-Dorf. Eine Familie zerbricht.
Wenn man genau hinsieht, könnte es überall sein.